Hazing in Studentenverbindungen: Wer Mann sein will, muss leiden

Goat: Die Pledges knien am Boden
Film-Szene aus Goat (c) Paramount Pictures

– English version below –

Sie knien am Boden. Schon seit zwei Stunden dieselbe Position. Die Jungs lehnen sich aneinander, sie scheinen nicht mehr lange durchzuhalten. Es ist mitten in der Nacht. Sie sehen nichts, Augen verdeckt. Die Musik ist laut, derselbe Song, immer wieder. Die Älteren blasen ihnen Rauch ins Gesicht. Er beißt sogar in ihren geschlossenen Augen und bringt sie zum Würgen. Sie wissen nicht, wie lange sie das noch durchhalten. Aber sie müssen. Es ist Voraussetzung, um einer von ihnen zu werden. Aufgeben heißt Schwäche zeigen. Und das ist der eigentliche Test, der eigentliche Sinn dieser Nacht: Wie stark bist du – mental und physisch? Wie wichtig sind dir deine Brüder, die Gemeinschaft? Wie weit gehst du für sie?

Im Film Goat (2016) von Andrew Neel (basierend auf einer wahren Geschichte) geht es um einen Studenten, der an seiner Uni einer Elite-Studentenverbindung beitreten will. Um aufgenommen zu werden, muss er verschiedene Rituale und Aufgaben absolvieren: halbnackt über den Kellerboden krabbeln, gefesselt im Keller schlafen, im Schlamm mit anderen Studenten kämpfen, aus der Toilettenschüssel essen.

Verbindungsstudenten nennen diese Aufnahmerituale Pledging. Alle anderen nennen es Hazing. 

Als Hazing wird alles bezeichnet, was von jemandem, der einer Gruppe beitreten will oder angehört, erwartet oder verlangt wird, das ihn demütigt, erniedrigt, missbraucht oder in Gefahr bringt. Die Besonderheit: Es ist auch dann Hazing, wenn die Person das alles freiwillig macht.

Aber was heißt schon freiwillig?

Klar, es zwingt die Studenten nicht wirklich jemand. Aber etwas: Ihr eigener Stolz, ihre eigene Männlichkeit. Sie haben Angst, als Schwächlich dazustehen, aus der Gemeinschaft der hegemonialen Elite-Studenten ausgeschlossen zu werden. Also halten sie es aus. Brechen nicht ab. Sagen nichts. Und am Ende fühlen sie sich stark. Bekräftigt. Als Teil der männlichen Gemeinschaft.

Aber ist es das wirklich wert? Wäre es nicht wahre Stärke, zu sagen: Stopp, da mache ich nicht mit?

In einem Interview auf dem Sundance Festival sagte Goat-Regisseur Andrew Neel, Erwachsenwerden sei ein Prozess, in dem man als Mann eine Rolle für sich selbst erschafft. Und Studentenverbindungen seien eine sehr unglückliche Antwort auf die eigene Konstruktion von Männlichkeit. Er gab an, den Film gemacht zu haben, um einen Dialog zu eröffnen und es damit Männern zu ermöglichen, zu sagen: Mit diesen Dingen bin ich nicht einverstanden. – Ohne dass sie dann als Schwächling gelten.

„Goat“ ist zwar nur ein Film. Aber so etwas passiert tatsächlich. In Amerika, in Europa, in Deutschland, jeden Tag. Deshalb finde ich, dass es mehr Leute wie Andrew Neel geben muss, die kritische Themen in Bezug auf Männlichkeit ins Gespräch bringen: Damit Männer sich nicht mehr in der Pflicht fühlen, ihre Männlichkeit um jeden Preis – und manchmal bis zum bitteren Ende – unter Beweis stellen zu müssen.

Das komplette Interview mit Andrew Neel gibt es auf IndieWire.com

Wie fandet ihr den Film „Goat“? Habt ihr schon Erfahrungen mit Studentenverbindungen gemacht? Ich freue mich über Kommentare! 


ENGLISH

They are kneeling and haven’t been allowed to move for the past two hours. The boys are leaning against each other, their strength is coming to an end. It is night time. They can’t see anything – blindfolded. Loud music fills the room, the same song over and over again. The elders are blowing smoke into their faces, which even hurts their covered eyes and makes them gag. They don’t know how much longer they can endure this torture, but they have to, in order to become one of them. Only cowards quit. That’s the actual test of this initiation night: How strong are you – mentally and physically? How important are the brothers to you, the community? How far would you go for them?

The movie Goat (2016) directed by Andrew Neel tells the story of a student, who wants to join an elite fraternity at his university. The movie is based on the protagonist’s memoirs. To become a member, he has to go through several rituals and tasks: crawling on the floor half naked, sleeping in the basement bound to the other pledges, mud fighting, eating from a toilet bowl.

Fraternity members call these activities Pledging. Other people call them Hazing.

Hazing is defined by any activity expected of someone joining or participating in a group that humiliates, degrades, abuses, or endangers them. The peculiarity here is this: These activities are also called Hazing if the students are acting by their own choice, of their own free will.

But are we really talking about a „free will“ here?

Of course, no one is forcing them to do all these things. They could walk away – but not many of them actually do. There is still a force that makes these young men endure the torture: their own pride, their own inner masculinity. They are afraid of being labelled as a coward, to be expelled from the elite hegemonic masculinity community. That’s why they don’t quit. They say nothing. They don’t walk out. And in the end, they feel strong, accomplished. They feel like a part of the masculine community.

But is that really worth it? Wouldn’t it be real strength to say: No, I am not doing this?

In an interview at the Sundance Festival director Andrew Neel said, growing up is the process of creating a role for yourself and brutal fraternities are a really unfortunate answer to that manhood. He said they made this movie to start a dialogue and making it okay, as a man, to raise your hand and say: „I am not okay with X, Y and Z.“

„Goat“ is only a movie, but things like this actually happen, not only in America but also in Europe. I think the world needs more men like Neel who start conversations about critical topics regarding masculinity. The end goal should be that men don’t feel the constant duty anymore to give proof of their masculinity – at any cost and sometimes to the bitter end.

Read the full interview with Andrew Neel here

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3 Gedanken zu “Hazing in Studentenverbindungen: Wer Mann sein will, muss leiden

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